„Wolltest du schon immer queere Fantasy schreiben?“
Das hat mich vor einiger Zeit eine Bekannte gefragt, die ich bei einer Veranstaltung getroffen habe. Hätte sie nur nach Fantasy gefragt, hätte ich wohl laut und voller Überzeugung „Ja“ gerufen. Aber mit der Frage nach queerer Fantasy hatte sie einen wunden Punkt getroffen.
Es wird dich überraschen, aber ich wollte gar nicht immer queer schreiben. Also wie kam ich dazu?
Der Moment der Erkenntnis
Als ich Teenager war, gab es nicht wirklich viele queere Bücher zu kaufen. Die wenigen, die es gab waren auch nicht überall erhältlich. Und als Kleinstadt-Teenager hätte ich nicht nur rote Ohren bekommen, in einer Buchhandlung nach einem LGBT-Buch zu fragen. Ich wäre wahrscheinlich im Erdboden versunken.
Was habe ich also gemacht? Ich habe weiterhin ‚normale‘ Bücher gelesen.
Die Geschichten darin waren nett, aber mir fehlte was. Ich habe mich nicht wirklich abgeholt gefühlt. Die Storys spiegelten meine Gefühlswelt einfach nicht wieder. Statt aktiv nach mehr Queerness zu suchen, hab ich mich halbwegs in mein Schicksal ergeben ‚normal‘ lesen zu müssen. Eine kleine Ausflucht hat Fantasy-Literatur geboten. Da war alles möglich, auch queere Charaktere. Es war wie ein Augenöffner.

Jedes Mal, wenn ich zwischen den Zeilen Hinweise entdeckte, war es, als würde jemand eine Tür zu einer Welt aufstoßen. Eine Welt, die ich schon immer gesucht hatte, ohne zu wissen, dass sie existiert.
Oft gab es schwule oder lesbische Nebenfiguren in diesen Romanen. Manchmal waren sie die Sidekicks der Held:innen. In manchen Büchern kamen auch Figuren vor, die man heute als trans lesen würde.
Ich habe schon früh in meiner Schulzeit angefangen Geschichten zu plotten und Welten zu entwerfen. Darin kamen auch immer queere Figuren vor. Aber ich bin selbst nie auf die Idee gekommen, sie zur Hauptfigur zu machen. Aber warum habe ich das nicht getan?
Die Antwort darauf ist auch die Geschichte meines mutigsten Moments als Autorin.
Der Wendepunkt: Warum ich es doch tat
Nachdem mein erster Roman aus dem Lektorat kam, war ich unzufrieden mit mir. Es war ein Fantasy-Roman mit einer hetero Heldin.
Erst mit ‚Rheinrabe‘ – meinem Debüt als queere Fantasy-Autorin – habe ich den Mut gefunden, queere Hauptfiguren in den Mittelpunkt zu stellen. Lori und Jules (aus Teil 1 der Rheinrabe-Dilogie) sind genau die Charaktere, die ich als Teenager vermisst habe: stark und vielfältig.
Die Figuren aus dem anderen Buch waren ganz nett, mir gefiel die Geschichte auch gut (sonst hätte ich das Buch nicht geschrieben). Der Protagonistin hatte ich einen schwulen Bruder an die Seite gestellt und in der Welt Queerness als etwas normales etabliert.
Eigentlich alles fein, oder? Aber es war nicht das Buch, mit dem ich als Autorin in die Welt hinauswollte.

Was hat mich umgestimmt?
Es fühlte sich aber nicht wirklich richtig so an. Nicht genug. Ich hatte zwei Jahre damit verbracht das Buch zu schreiben und zu überarbeiten. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich der Protagonistin gar nicht wirklich viel Raum gegeben habe und auch gar nicht geben wollte. Meine Gedanken immer wieder zur Storyline ihres Bruders und seiner Liebesgeschichte zurückkehrten.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt, warum ich dem Drang diese queere Geschichte in den Vordergrund zu bringen immer wieder beiseite geschoben habe.
Die simple Antwort war: Angst.
Als introvertierte Person stehe ich nicht gern im Mittelpunkt und habe eh schon viel daran zu knappsen, dass man als Autorin hinter dem Schreibtisch hervorkommen muss, um gesehen zu werden. Für mich ist es ein gewaltiger Schritt mich in den sozialen Medien sichtbar zu machen. Ich habe nie ein Geheimnis um meine Queerness gemacht, aber mich als Autorin gezielt damit zu verknüpfen und dann noch im Internet? Sich dadurch angreifbar machen? Puh…
Dazu kommt, dass ich nie ein politisch aktiver Mensch war. Zugegeben, dass musste ich auch nie sein. Mein ganzes Leben war ich straight passing und hatte ein tolles und immer tolerantes, regenbogenfreundliches Umfeld um mich herum.
Bisher habe ich Zero Erfahrungen mit Homophobie gemacht. Und es war in der Vergangenheit auch ziemlich bequem, sich nicht kümmern zu müssen. Das weiß ich. Aber sichtbare Queerness ist mittlerweile politisch und wird zunehmend zu einem scharf diskutierten Thema. Dem kann und will ich mich nicht länger entziehen.

Die Entscheidung in die Öffentlichkeit zu gehen
Ich habe mich daran erinnert, dass ich als Schriftstellerin die Macht habe, meine Figuren so zu gestalten, wie ich sie brauche – und wie sie die Welt braucht. Ich kann queere Hauptfiguren schreiben und Menschen aus der LGBTQI+ Community etwas geben, dass mit ihrer Lebensrealität verknüpft ist. So wie ich es mir als Teenager in den Büchern gewünscht hätte.
Beim Lesen queerer Bücher merke ich selbst immer wieder, wie viel Mut mir das Lesen dieser Geschichten gemacht hat. Wie schön es bei jedem Buch ist, mich repräsentiert zu fühlen und was das mit mir, meiner Queerness und meiner Identifikation in der Community eigentlich wirklich macht.
Diese tollen, mutigen Autorinnen, die sich schon so lange für queeres Leben einsetzen und sichtbar sind, motivieren mich, diesen Schritt selbst zu gehen.
Sodass auch ich mich für mehr Repräsentation queerer Menschen in meinen Büchern einsetze, das auch ich meine Stimme für die LGBTQI+ Community nutze und Verantwortung übernehme. Vielleicht bin ich dabei weniger laut als andere, aber ich mache mit trotzdem sichtbar.
Mein Fazit
Es ist aufregend in meinen Posts, auf meiner Website und in der Werbung für meine Bücher mit dem Finger auf den Regenbogen zu zeigen und zu sagen:
„Guck mal. Steht queer drauf, ist queer drin.“

Die Realität ist eine Wundertüte. Man weiß nie, was als Reaktion aus dem Internet zurückkommt:
- ein Shitstorm, weil irgendwie die braune Bubble auf einen Aufmerksam wurde?
- Drohungen in den persönlichen Nachrichten bei Insta?
- homophober Spam im Mailpostfach?
- Beleidigungen, wenn einen jemand auf der Straße erkennt?
Klar macht es mir Angst, das ich etwas davon abbekomme. Andere Menschen fürchten jedoch noch um viel mehr, wenn sie als queer erkannt werden: Teilweise um ihr Leben, ihre Existenz.
Seien wir mal ehrlich, es ist nun mal so, dass Schweigen eine aktive Entscheidung ist. Für mich persönlich kommt das nicht länger infrage. Ich bin sozusagen entschieden dagegen. Und diese Entscheidung ist:
Mein mutiger Autorenmoment.
Manchmal muss man ans Licht treten, um für andere ein Hoffnungsschimmer zu sein. Und wenn ich allein dadurch jemandem etwas geben kann, dass auch ich einen kleinen Schritt vortrete und sage ‚We’re here, we’er queer‘ , dann tue ich das.
Ich hoffe sehr, dass meine Geschichten anderen Queers ein Stück Realität schenken, in dem sie sich gesehen, geliebt und endlich ganz fühlen. Quasi ein Zuhause zwischen den Seiten, das sie immer bei sich tragen können und in dem sie die Held:innen sind.
Weitere Mutmach-Geschichten von anderen Autor:innen zu ihren Mut-Momenten, findest auf der Seite Storyshake. Diesen Artikel poste ich als Teil der Blogparade von Christine Storck, einer lieben Autorinnen-Kollegin, Schreibcoachin und Lektorin.
Hast du auch schon einmal eine mutige Entscheidung treffen müssen? Wie ging es dir damit?

Tia Urban schreibt Urban-Fantasy mit weiblichen Heldinnen, die zwischen Freundschaft, Liebe und Identität ihren Platz suchen. Ihre Geschichten richten sich an queere New-Adult- und All-Age-Leserinnen, für die Zugehörigkeit kein Selbstverständnis ist.


Liebe Tia,
eine sehr beeindruckende Mut-Geschichte, bei der ich Gänsehaut hatte. Danke fürs Veröffentlichen und Teilen. Wie schön, dass du bei meiner Blogparade mitgemacht hast und Mut-Magie verbreitest 🙂 Ich bin sicher, dass ganz, ganz viele sich darin wiederfinden und auch dein Buch verschlingen, weil sie sich dadurch gesehen fühlen! Ganz viel Erfolg für deine Bücher! Liebe Grüße, Christine
Danke dir Christine. 🤗 Die Blogparade war eine wundervolle Idee. Und „Mut-Magie“ nehme ich auf in die Liste meiner Lieblingsworte in 2026.