„Klasse – ein neues Urban-Fantasy Buch! Oh… spielt schon wieder in London.“ Kennst du diesen Gedanken auch?
So geht es mir oft, wenn ich mir die Klappentexte von Büchern in der Buchhandlung durchlese. Die Geschichten hören sich total spannend an und viele dieser Bücher habe ich mit großer Begeisterung gelesen. (Gut gefallen haben mir zum Beispiel die „Flüsse von London“ von Ben Aaranovic oder Benedict Jackas „Das Labyrinth von London“. )
Irgendwie hat mir aber etwas gefehlt.
Lange konnte ich nicht so definieren was das war. Erst als ich für mein Buch „Rheinrabe“ recherchiert habe, ist es mir aufgefallen: Ich wollte ein Buch lesen, dass einen Bezug zu dem Land hat, in dem ich lebe. Aber nicht nur geografisch, sondern kulturell.
Jetzt fragst du dich bestimmt, warum dann ausgerechnet ein Nordlicht eine Geschichte schreibt, die an der Loreley im Mittelrhein spielt.
Also, das war so…
Deutschland als Spielort: Eine bewusste Entscheidung für mein Buch
Die Idee zur Rheinrabe-Dilogie hatte in meinem Kopf lange gar keinen Vorrang. Verrückt, oder? Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist es verrückt, dass diese Idee mit der Loreley mein Debutroman geworden ist.
Ich habe die Idee notiert und in einem Ordner im Schreibprogramm gespeichert. Der Plan war, die Notizen erst wieder hervorzuholen, wenn mein nächstes Projekt fertig geschrieben wäre. Die eigentliche geplante Geschichte – auch eine Portal-Fantasy – war schon in den Startlöchern. Ich war kurz davor mit dem Schreiben zu beginnen. Aber die Figuren von Rheinrabe zupften immer wieder an meinen Gedanken … bis ich schließlich nachgegeben habe.
Alles, was mir für die Geschichte noch fehlte, war ein passender Ort. Einer mit möglichst vielen Burgen auf einen Fleck. Natürlich kam mir sofort England in den Sinn. Weite Landschaften, ein Haufen alter Steine und Lords und Ladies wo das Auge hinsieht. Aber so richtig zufrieden hat mich das trotzdem nicht gemacht. Es fühlte sich nicht „rund“ an. Da fehlte das gewisse Etwas. Und dann ging die Google-Suche los.
Nächster Halt: Rhein-Recherche
Es hat nicht lange gedauert und ich war komplett in der Recherche versunken
Rein statistisch betrachtet, kommt zwischen Bingen und Koblenz alle 2,5 km eine Burg auf einem Flussabschnitt von 65 Kilometern vor.
BÄM! Mein nerdy Hirn und der Drang, unnützes Wissen aufzusaugen, sind bei dieser Info sofort angesprungen.
Mir ist dabei aufgefallen, wie wenig ich eigentlich über das Land weiß, in dem ich lebe. Shame on me. Ich war in den USA, Afrika und in einem Großteil der europäischen Länder auf Reisen, aber die schönen kleinen Flecken in Deutschland, die hab ich nicht gesehen.

Ausguck an der einzigen Stelle am Rhein, von der man drei Burgen gleichzeitig sehen kann.
Ich kannte so Sprüche wie „Hamburg hat mehr Brücken als Venedig“ oder „Der schiefste Turm der Welt steht nicht in Pisa sondern in Ostfriesland“.
Das wir in Deutschland aber eine so hohe Burgendichte haben, wusste ich schlichtweg nicht. Ich bin dann richtig tief in das Recherche Rabbit-Hole gerutscht und einige Stunden nicht mehr aufgetaucht.
Deutschland als Fantasy-Schauplatz wurde mit jedem Link, den ich aufgerufen habe, immer faszinierender. Ich war auf unzähligen Seiten, die mir kleine Naturwunder, abgefahrene Denkmäler, touristische Geheimtipps oder lokale Mythen gezeigt haben. Ich war unfassbar hooked.
Plötzlich war klar: Meine Geschichte MUSS in Deutschland spielen. Und zwar am Rhein.
Die Loreley: Mehr als nur eine Frau mit Kamm
Als ich bei der Recherche auf den Begriff „Rheinromantik“ gestoßen bin, wurde das Rabbit-Hole noch ein Stück tiefer. Man kann das nicht googeln, ohne auf das Lied zum Loreley-Mythos von Heinrich Heine oder die großen deutschen Rhein-Sagen wie das „Niebelungenlied“ zu stoßen.
Rückblickend glaube ich ja fast, meine Geschichte hat gewartet, dass ich in dieses Recherche Loch hineinplumpse. Die offenen Fragen aus meiner Buchidee haben sich auf einmal wie von allein beantwortet.

In Loreley habe ich nie bloß eine Nixe mit goldenen Kamm in Händen gesehen, die arme Schiffer bezirzt. Das ist ein Bild, dass nicht zu den Figuren passt, die ich im Kopf habe. Sie schmachten nicht einfach jemandem hinterher. Den Zauber, den man an der Loreley fühlt, wollte ich vielschichtiger beschreiben. Nicht nur mit einer Liebesgeschichte.
Die Hauptfigur und der Loreley-Felsen wurden für mich schnell zu zwei eigenständigen Teilen der Geschichte, die dennoch eine sehr ähnliche Funktion haben: Sie überwinden Grenzen und sind gleichzeitig eine Verbindung zwischen den Welten.
Urban Fantasy mit lokalem Charme
Kennst du das auch? Du stehst an einem Ort – vielleicht einem Brunnen oder vor einem kleinen Café – dass in deinem Lieblings-Buch genannt wird. Und sofort kribbelt es auf deiner Haut. Vielleicht siehst du die Hauptfigur vor dir, wie sie jemanden küsst, grade auf der Flucht vor dem Bösewicht ist oder einfach verträumt den Sternenhimmel bewundert. In diesem Moment fühlst du dich der Geschichte ganz nah, erlebst erneut den Moment noch einmal, fühlst ihn …
So geht es mir auch. Ich gehöre zu den Menschen, die es wunderschön finden Orte aus Büchern zu besuchen. Die Umgebung in mich aufzunehmen, in der eine Figur Abenteuer oder schöne Momente erlebt hat, macht etwas mit mir.
Wenn du mein Buch liest, möchte ich auch, dass du Lori durch St. Goar laufen siehst. Oder dir vorstellst, welche Gründerfamilie der Burgwächter in dieser einen Burg am Mittelrhein lebt, an der du grade vorbeigehst.
Dank Google Maps hatte ich eine ungefähre Vorstellung, wo bestimmte Ereignisse aus Rheinrabe (und auch aus dem zweiten Buch der Dilogie „Projekt Phoenix“) stattfinden sollten. Mit ein paar meiner schönen Ideen bin ich allerdings gehörig auf die Nase gefallen.
So schön Karten mit Satelliten-Funktion auch sind … sie können eine Vor-Ort-Recherche nicht ersetzen. Hätte ich den Karten blind vertraut, würden Jules und Lori jetzt an einer Stelle mit einem Motorrad an einem Hang abrauschen, den es so gar nicht gibt. (Was übrigens meine Szenenplanung damals ganz schön auf den Kopf gestellt hat.) Das Mittelrheintal hat mich mit seinen weinbewachsenen Ufern, den am Fluss entlang schlängelnden Straßen und den warmherzigen Menschen sofort beeindruckt.
Tipp: Wenn du neugierig geworden bist und mehr über das Mittelrheintal wissen möchtest, schau doch mal auf der Seite der Loreley-Touristik vorbei und lass dich für den nächsten Urlaub inspirieren…oder wandel auf Loris und Jules Pfaden.
Fazit: Lass dich mehr überraschen
Die großen Städte beeindrucken uns zurecht. Sie sind wild gewachsen, sind Schmelztiegel verschiedener Kulturen und haben eine spannende Historie. Sie haben ein ganz besonderes Flair, dass uns schnell packt und mitreißt.
Viel zu oft vergessen wir aber im Alltag, wie schön es vor unserer eigenen Haustür und auch ein paar wenige Schritte dahinter ist. Auf den ersten Blick mögen die kleinen Orte weniger bunt oder aufregend sein. Aber dort finden sich unzählige herzerwärmende Geschichten, alte Sagen oder sie sind Spielorte für weltbekannte Märchen.
Die Entdeckung des Rheins für mein Buch Rheinrabe, aber auch andere regionale Geschichten, waren für mich der Beginn einer wundervollen Reise. Auf gleich mehrere Arten und Weisen. Ich betrachte meine Heimat jetzt mit ganz anderen Augen und habe sogar Inspiration für eine neue Dilogie gefunden.
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Tia Urban schreibt Urban-Fantasy mit weiblichen Heldinnen, die zwischen Freundschaft, Liebe und Identität ihren Platz suchen. Ihre Geschichten richten sich an queere New-Adult- und All-Age-Leserinnen, für die Zugehörigkeit kein Selbstverständnis ist.



